Vulkanausbruch in Island [ständig aktualisiert]

22.03.10, 10:06

Sollten Sie speziellere Fragen rund um die Eruption haben, so senden Sie mir gerne eine Mail. Da ich ja Vulkanologin bin, beschäftige ich mich täglich mit den aktuellen Meldungen der Wissenschaftler.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 25.06.2010)
Der Vulkan wird, ebenso wie die Caldera unter dem Myrdalsjökull, weiterhin überwacht. Im Krater des Vulkans sammelt sich Schmelzwasser des umliegenden Gletschers an, jedoch steigt der Wasserspiegel sehr langsam. Eine genaue Überwachung soll die rechtzeitige Warnung vor einem Schlammstrom gewährleisten, falls der Wasserspiegel schneller steigen und über den Kraterrand treten sollte. Hin und wieder stößt der Vulkan kleine Aschewolken aus, leichte Beben werden gemessen.

Auch unter der benachbarten Caldera unter dem Myrdalsjökull werde leichte, sehr flache Beben gemessen, es ist jedoch kein gleichzeitiges Anheben des Geländes zu verzeichnen, weshalb die Wissenschaftler zwar aufmerksam bleiben, derzeit aber nicht von einer dort beginnenden Eruption ausgehn.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 04.06.2010)
Wie es aussieht, ist die Eruption unter dem Eyjafjalljökull beendet. Da aber noch immer eine leichte seismische Aktivität (Erdbeben) gemessen wird, erklären die Wissenschaftler den Ausbruch noch nicht offiziell für beendet.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 25.05.2010)
Seit zwei Tagen nimmt die Stärke des Ausbruches so stark ab, dass nunmehr lediglich eine weiße Dampfsäule über dem Vulkan steht. Derzeit werden keine Explosionen mehr verzeichnet, auch tritt kein Aschefall mehr auf. Es bleibt nun abzuwarten, ob dies bereits das Ende der Eruption ankündigt oder aber eine Zwischenphase darstellt.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 21.05.2010)
Seit meiner letzten Berichterstattung hat sich die Eruption nicht nennenswert geändert. Der Krater ist nach wie vor in gleicher Stärke aktiv, es wird ständig genügend Gesteinsmaterial nachgeliefert. Die Höhe der Eruptionssäule schwankt, so dass sie in den letzten Tagen erneut Auswirkungen auf den Flugverkehr hatte. Derzeit ist ein Ende der Eruption nicht abzusehen, allerdings rechnet man weder mit weiteren Fluten noch anderen ernsthafteren Auswirkungen an der Südküste.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 03.05.2010)
Nachdem der Vulkan in der letzten Woche den Flugverkehr in Island beeinträchtigte, da der Wind gedreht hatte, ist seit Donnerstag Ruhe, was die Auswirkungen der Eruption auf die Atmosphäre betrifft. Das ausgeworfene Gesteinsmaterial (Tephra) ist wesentlich grobkörniger als noch zu Beginn der Eruption, so dass keine Aschepartikel mehr in die Atmosphärenschicht gelangen, die den Flugverkehr beeinträchtigen könnten.

Mittlerweile baut sich ein Schlackenkegel am Eruptionsort auf und Lavaströme sind bereits bis zu einer Entfernung von etwa 3km nördlich vorgedrungen. Die Produktion der Lava überwiegt derzeit derjenigen von Tephra. Eine grobe Schätzung der Wissenschaftler gibt eine Ausflussmenge von 20m³/s an.

Derzeit deutet nichts darauf hin, dass der Ausbruch an Stärke verliert, allerdings ist sein Einfluss auf das Leben in Island und im übrigen Europa nicht mehr sehr groß. Die Ringstraße ist wieder komplett für den Verkehr freigegeben, die Aufräumarbeiten dank einer großen Zahl Freiwilliger auch aus dem Ausland so gut wie abgeschlossen.

Es sieht so aus, als entwickle sich der Vulkan erneut zu einem Touristenmagneten.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 23.04.2010)
Entschuldigen Sie die einwöchige Nachrichtenpause, die vielleicht durch die tägliche Berichterstattung in allen Medien nicht ganz so einschneidend war.
Dafür möchte ich Ihnen an dieser Stelle einen zusammenfassenden Rückblick zu den Ereignissen geben:

Nachdem die Eruption unter den Zentralkrater unter dem Gletscher Eyjafjallajökull (übrigens ist hier die korrekte Aussprache "Ejafjadlajökütl" --- so hingegen nicht) "umgezogen" war, bekam sie einen sogenannten phreatomagmatischen Charakter: sobald aufsteigendes Magma mit Wasser oder eben Eis in Berührung kommt, verdampft das Wasser explosionsartig und zerreißt das flüssige Gestein in kleinste Fragmente. Man spricht auch davon, dass eine solche Eruption pulsierend verläuft, da die Explosionen meist eng aufeinander folgen. Die so entstandene Aschewolke wurde durch die nordwestlichen Winde innerhalb weniger Stunden nach Nord- und Mitteleuropa verdriftet, wo sie dann die hierzulande ausgiebigst diskutierten Behinderungen im Luftraum zur Folge hatte.
In Island hingegen gingen gleich am 14. April gleich zwei Jökulhlaups (= Gletschlerläufe, also aufgeschmolzenes Eis) ab, die über die Markarfljót Farmland und Teile der Ringstraße im Süden der Insel überschwemmten und Schlamm zurückließen. Glücklicherweise war das Gebiet längst evakuiert, so dass keiner zu Schaden kam.
Die anfänglich bis zu 8 km hohe Eruptionswolke erreicht heute nur noch eine Höhe von etwa 3 km. Dies liegt vor allem daran, dass das Eis, das sich unmittelbar über und um den Krater befand, abgeschmolzen ist und die Stärken der Explosionen somit nachgelassen haben. Insgesamt, so eine Schätzung, wurden bisher 140 Millionen m³ Tephra (= ausgeworfenes Gesteinsmaterial) gefördert.
Ein Absinken der Kratergegend ist zu verzeichnen, was darauf schließen lässt, dass sich eine oder mehrere Magmenkammern langsam leeren.

Abschließend noch einige Worte zum Chemismus: im Vergleich zum Beginn der Eruptionsphase am 20. März konnte eine Veränderung im Chemismus der Lava festgestellt werden: war die Lava, die während der initialen Phase an der Spalte austrat, noch Alkali-Olivin-Basalt, so entwickelte sich die Lava nun (vermutlich durch fraktionäre Kristallisation in der Magmenkammer, d.h.: Nachdem einige Elemente der Schmelze Kristalle gebildet und an den Boden der Magmenkammer gesunken sind, bilden sich in deeser Kammer sozusagen Stockwerke, die einen unterschiedlichen Chemismus aufweisen, obwohl die Urprungsschmelze dieselbe war. Bei einem Ausbruch wird natürlich das obere Stockwerk zuerst geleert, danach folgt das oder die unteren.) in den intermediären Bereich.

Während die Eruption für den Luftverkehr wohl keine weiteren Folgen haben wird und auch die Ringstraße bald wieder befahrbar ist, womit auch den Reisenden ein Hindernis genommen wird, spielen sich im Kleinen, unbemerkt von der internationalen Medienwelt, kleine und größere Dramen ab: die Ländereien im Süden sind mit fluorhaltiger Asche bedeckt, einige Höfe von den Jökulhlaups beschädigt. Mehrere Landwirte haben ihr Vieh schon notgeschlachtet, da sie nicht den Mut und die Kraft haben, ihre ohnehin schon schwierige Existenz als isländischer Landwirt zu erhalten. Während die Eruption uns hier in Deutschland schöne Bilder, aufregende Tage, vielleicht auch mal Ärger über Wartezeiten und nicht fliegende Flugzeuge brachte und bringt, müssen einige Isländer ihr Leben komplett ändern und eine neue Richtung einschlagen. Das sollte wir bei aller wissenschaftlicher und touristischer Begeisterung für dieses Ereignis nicht vergessen!

Spektakuläre Photos der Eruption finden Sie hier!

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 16.04.2010)
So schnell, wie sich die aktuelle Lage in Island verändert, kann ich gar nicht berichten. Sie werden alle aus der Tagesschau und den Radiomeldungen wissen, dass zunächst die effusive Tätigkeit der Spalte am 14. April zu Ende ging. In der gleichen Nacht kam es dann aber zu einer neuen Eruption in der Nähe des Gipfelkraters des Eyjafjallajökull - dieses Mal also tatsächlich unter dem Gletscher. Die Aschewolke breitet sich mittlerweile durch die vorherrschenden Nordwestwinde über ganz Nord- und Mitteleuropa aus, so dass der Flugverkehr zur Zeit komplett zum Erliegen gekommen ist.

Die Westmännerinseln wurden bislang verschont, doch da der Wind im Laufe des heutigen Tages auf Norden drehen soll, wurden bereits gestern Staubmasken und Brillen an die Bevölkerung verteilt. Ein weiterer Risikofaktor: die Insel bekommt ihr Trinkwasser über eine unterseeische Leitung vom Eyjafjallajökull. Hier werden nun regelmäßig Messungen durchgeführt, um eventuelle Kontaminationen rechtzeitig zu erkennen. In der Asche ist ein hoher Anteil Fluor festgestellt worden, auch die Zusammensetzung der Lava ist eine andere als die der bisher aktiven Spalte.

Durch die Lage der Eruption direkt unter dem Gletscher kam es bereits zu ersten Jökulhlaups (Gletscherläufen), am gestrigen Abend führte die Flutwelle erstmals auch Eisbrocken mit sich. Einige Bereiche der südlichen Ringstraße sind bereits zerstört, die Brücken haben bisher standgehalten.

Die größte Sorge der Wissenschaftler ist nun, dass tatsächlich auch die Katla aktiv wird, was eine noch um Längen gewaltigere Eruption zur Folge hätte.

Bildmaterial und Berichte finden Sie auf folgenden Seiten: http://www.ruv.is/flokkar/english, dann auf der gleichen Seite rechts oben auf Sjónvarp gehen, dort können Sie dann im Kalender rechts den Tag auswählen und im Tagesprogramm entweder "Fréttir" (=Nachrichten).

Auch die isländische Tageszeitung berichtet täglich, ebenfalls mit Videoaufnahmen.

Die Seite mit den besten Infos, speziell für Naturwissenschaftler interessant, ist natürlich die Seite der Universität. Hier finden Sie alles von Satellitenaufnahmen über chemische Zusammensetzung der Lava etc.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 07.04.2010)
Neue,
wunderbare Photos des isländischen Photographen Christopher Lund finden Sie auf seiner Homepage.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 02.04.2010)
Gestern morgen öffnete sich eine neue Spalte, aus der neue Lavaströme austreten. Auf der Seite des isländischen Nachrichtensenders sind spektakuläre Videos zu finden:
Video eines Überfluges gestern abend, ein weiteres Video, das in der Hrunagil aufgenommen wurde sowie Bilder der neuen Spalte, die sich gestern geöffnet hat.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 26.03.2010)
Im isländischen Fernsehen wurden vorgestern aktuelle Aufnahmen von der Eruption gesendet. Sehr sehenswert!


(Sonja Lenz, Nonnweiler, 25.03.2010)
Bereits am Mittag des 22. März durften die restlichen evakuierten Einwohner auf ihre Höfe zurückkehren. Die Anzahl der aktiven Krater entlang der Eruptionsspalte ist auf vier zurückgegangen, ein Vulkankegel baut sich auf. Die Eruption ähnelt optisch dem Ausbruchsbeginn des Eldfell auf Heimaey 1973, bei der die Lava auch zunächst entlang der Spalte austrat, jedoch nach wenigen Tagen den Krater des Eldfell aufbaute und sich auf eine Austrittsstelle konzentrierte.

Eine erste chemische Analyse hat ergeben, dass es sich um basaltisches Magma handelt mit einer Temperatur von etwa 1150°C. Die austretende Lava fließt die Hrunagil hinab Richtung Þorsmörk, die sie in wenigen Tagen erreichen könnte.

Unter wissenschaftlicher und polizeilicher Aufsicht hat in der Zwischenzeit ein Vulkantourismus eingesetzt: verschiedene isländische Unternehmen bieten Helikopter-Rundflüge und geführte Touren zur Eruptionsspalte an.
Zwei Webcams zeigen die neuesten Bilder vom Ausbruch, und auf Visir gibt es einige sehr gute Photos.

(Sonja Lenz, Nonnweiler, 22.03.2010)
In der Nacht zum 21. März öffnete sich zwischen den Gletschern Eyjafjalljökull und Mýrdalsjökull im Süden Islands eine 500m lange Spalte, aus der Lavafontänen bis zu 150m in die Höhe geworfen werden. Die Eruption kam recht überraschend, die vorangehenden Erdbeben (vulkanischer Tremor = Erdbeben, die durch aufsteigendes Magma verursacht werden) erreichten gerade mal die Stärke 2 auf der Richterskala.

14 umliegende Dörfer wurden sofort evakuiert und die etwa 500 Bewohner in Schulen und Sommerhäusern untergebracht.
Erste Überfliegungen und Berechnungen, unter anderem durch den Geophysiker Magnus Tumi Guðmundsson, dessen Forschungsschwerpunkt subglaziale Eruptionen und daraus womöglich resultierende Jökulhlaups (Gletscherflüsse) sind, gaben jedoch recht schnell Entwarnung. Die größte Befürchtung, es könne zu ähnlich dramatischen Überschwemmungen kommen wie in den 90er Jahren am Vatnajökull, konnte entkräftet werden. Die Eruptionsspalte befindet sich nördlich des Fimmvörðuháls, dem Pass, der Wanderern auf dem Laugavegur bekannt ist als Verbindung zwischen Þorsmörk und Skógar, und somit nicht unmittelbar unter einem Gletscher.
Vorsichtshalber wurden aber die Arbeiten am Landeyjarhöfn, dem im Sommer in Betrieb gehenden neuen Fährhafen, der Island mit den Westmännerinseln verbinden wird, eingestellt und sämtliche Gerätschaften von der Baustelle entfernt. Die Markarfljót, die mit ihren Schmelzwässern die Þorsmörk durchfließt, mündet hier in den Atlantik.
In der Nacht hat sich ein Lavastrom etwa einen Kilometer in nordöstliche Richtung bewegt. Heute vormittag wird in Reykjavík beraten, ob die Evakuierung bereits aufgehoben werden kann.

Die Vulkanologen sind sich einig, dass der Vulkanausbruch zum jetzigen Zeitpunkt recht klein ist, kleiner als die meisten Ausbrüche der Hekla in der Vergangenheit und wesentlich kleiner als der befürchtete, noch ausstehende Ausbruch der Katla. Allerdings kann man nie wissen, wie sich eine Eruption entwickelt.

Der Eruptionsverlauf muss in den nächsten Tagen genau beobachtet werden, da wir es in Island eben meist mit Spalteneruptionen zu tun haben und nicht mit abgeschlossenen Magmasystemen im Untergrund. Das heißt, dass die Quelle im Untergrund, die für die Förderung der Lava zuständig ist, immer wieder neu gespeist werden kann. Es gibt nicht einen übersichtlichen Topf, die Magmenkammer, zu der ebenso übersichtliche Förderkanäle führen, sondern ein ganzes System, eine Spalte, ist aktiv, die natürlich auch wieder über viele Verbindungen ins Erdinnere verfügt. Daher bleibt abzuwarten, ob diese Eruption eventuell benachbarte Systeme wie die Katla insofern beeinflussen wird, als auch dort Eruptionen möglich werden.

Hier kommen Sie auf die Internetseite der isländischen Nachrichtensender und die "Tagesschau" vom 21.März, in der fast eine halbe Stunde von der Eruption berichtet wird (auch ohne Isländischkenntnisse sind interessante Bilder zu sehen).

Ich werde Sie hier in den nächsten Tagen auf dem Laufenden halten!